Montag, 19. März 2012

Frauensachen

Es hilft einfach nichts, es treibt mich den ganzen Tag schon um, diese Diskussion die Catherine angestoßen hat. Und ich hatte ja auch schon geschrieben bei ihr, dass ich das so gar nicht wahrnehme, den Rückzug ins Häusliche, den gibt es in meinem realen Umfeld so nicht.

Natürlich gibt es auch Blogs, die in ihrer Aufmachung und ihrem Styling daher kommen, wie eine zweite "Schöner Wohnen" und man fragt sich schon, verdammt, haben die niemals dreckige Fußböden? Aber dann fällt mir ein, dass ich ja meine dreckigen Fußböden auch nicht in meinem Blog zeige, warum auch.

Aber das ist alles nicht das, was mir gerade Kopfzerbrechen bereitet, sondern dieser Satz von Catherine:

"Oft wünsche ich mir, dass Frauen, insbesondere die Frauen meiner Generation, denen so viel versprochen wurde und die sich doch oft genug den alten Strukturen ergeben müssen (?), doch mal die Nase voll habe und sich von der Lebenslüge verabschieden, es handle sich um individuelle Entscheidungen und/oder Probleme, wenn sie eigentlich massiv strukturell diskriminiert sind"

Bezeichnenderweise habe ich mir beim Bügeln diesen Satz mal rauf und runter durch den Kopf gehen lassen. Großer Gott, "strukturell diskriminiert", sind wir das denn tatsächlich noch? Und wenn ja, geben wir es tatsächlich einfach nicht zu? Oder ist das einfach so in dieser Welt, so wie sie ist, und wir haben uns längst damit arrangiert.

Natürlich kann ich, wenn überhaupt diese Frage nur für mich beantworten oder es versuchen. Für mich war schon immer klar, dass ich beruflich relativ weit kommen möchte, ich weiß nicht, ob man das was ich dann erreicht habe, als Karriere bezeichnen kann, aber ich war auf einem guten Weg und mit Anfang 30 auf dem besten Weg, es weit nach oben zu schaffen. Und natürlich war es für mich in diesem Alter vollkommen klar, dass ich beides Kinder und Karriere problemlos wuppen würde. Mit Mitte dreißig war ich dann schon soweit, dass ich ziemlich müde war, ausgepowert von vielen Dienstreisen, Projekten außer Haus etc. und als ich zu diesem Zeitpunkt schwanger wurde, kam es mir vor wie ein Geschenk des Himmels. In meiner grenzenlosen Naivität dachte ich, prima, ein Jahr Auszeit von dem ganzen Stress, ein bisschen Haushalt ein wenig Kinder, mach es dir schön daheim.
Natürlich hatte ich nicht den Schimmer einer Ahnung was auf mich zu kommen sollte, als Mutter von zwei Neugeborenen. Und ihr könnt euch vorstellen, was kam. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich acht Wochen nach der Geburt der Mädels meinen Mann am Frühstückstisch heulend beneidet habe, weil er nun auf die Arbeit gehen durfte und ich bei den beiden schreienden kleinen Monstern bleiben musste. Ich war fix und fertig. Meine Vorstellung von heiler Welt zerbrach komplett.

Nun, ich wusste damals nicht, dass das vorbeigehen würde, aber als die Mäuse ein Jahr alt waren, bekam ich von meinem alten Arbeitgeber ein unwiderstehliches Angebot. Die Abteilungsleitung meiner alten Abteilung in Teilzeit als Jobsharingmodell mit einer Kollegin. Ein Sechser im Lotto sozusagen. Das was sich Frauen doch immer wünschen, das was Arbeitgeber ja eigentlich mache sollten, das worum mich viele Akademikerinnen beneidet haben. Ich war überglücklich!

Aber ich habe nur zwei Jahre durchgehalten. Der Anspruch und die Realität sind halt zwei verschiedene Dinge. Natürlich war das toll, eine Führungsposition in Teilzeit, Karriere und Kinder unter einem Hut gebracht, Daumen hoch. Tatsächlich wir aber eine rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit vorausgesetzt, keiner schert sich darum, dass du nachmittags nicht da bist, Meetings werden gerne mal am frühen Abend angesetzt, Geschäftsreisen gehen über zwei, drei Tage, das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern mit dem normalen Ablauf in einem Großkonzern. Ich hätte für einen Halbtagsjob eine Ganztagsbetreuung für zwei Kleinkinder gebraucht. Das ist nicht finanzierbar und irgendwann war es für mich nicht mehr leistbar.
Ich habe die Segel gestrichen und mir einen anderen Job gesucht.

Was war das nun, Unvermögen oder strukturelle Diskriminierung? Ein schlaue Entscheidung, die Erkenntnis, dass es im richtigen Leben immer anders kommt oder war ich einfach nicht tough genug? Hat man es mir unnötig schwer gemacht und hätte ich dagegen kämpfen sollen?

Obwohl ich froh bin, damals vor fünf Jahren diesen Schritt gegangen zu sein, macht es mich auch heute noch immer wieder ein wenig wütend, das man damals von mir die Quadratur des Kreises verlangt hat, immer mit dem Argument, dass man das als Frau doch alles geregelt bekommen sollte. Und das ist mir jetzt gerade wieder in den Sinn gekommen, bei dem Satz von Catherine.


Und bevor ich es mir jetzt wieder anders überlege, schicke ich diesen Post jetzt ins Netz.


Kommentare:

  1. Ich klatsche einfach mal :-)

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  2. Aus meiner Sicht ist eine männlich geprägte Arbeitskultur ein strukturelles Problem und kein individuelles. Die meisten Frauen erleben ihre Überforderung nur individuell und machen sich selbst dafür verantwortlich.

    Das denke ich darüber.

    Lg! Catherine

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  3. Ich hatte einen ähnlichen "Karriereweg". Nach der Geburt der Kinder bin ich aus der Führungsebene in die Stabsebene (Teilzeit mit Home-Office!) gewechselt. Natürlich gibt es auch hier mehrtägige Dienstreisen und spätnachmittägliche Meetings, aber eben ohne mich...
    Ich denke gerade über Catherines Ausdruck der männlich geprägten Arbeitskultur nach...Viele meiner männlichen Kollegen sehen ihre Kinder meistens nur am Wochenende und wenn sie Glück haben, kurz zum Gute-Nacht-Sagen. Glücklich darüber ist niemand! Auch Männer möchten sich um ihre Familien kümmern. Wenn Du aber ein gewisses Einkommen haben möchtest, wird es einfach von Dir verlangt, Dich den gegebenen Strukturen anzupassen. Wenn es Dir nicht passt, kannst Du ja gehen.
    Für mich ganz persönlich ist das eine familienfeindlich geprägte Arbeitskultur, sowohl für Männer als auch für Frauen.

    Viele Grüße
    Gaby

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  4. Danke für diesen Post! Ich finde das zeigt sehr gut, dass die (nicht zu erfüllenden) Ansprüche ja durchaus nicht nur von außen auferlegt werden. Ich glaube der Begriff "männlich geprägte Arbeitskultur" ist einfach zu schablonenhaft, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. Dadurch werden Männer in die Täterrolle geschoben, obwohl sie zum teil genauso unter den Strukturen leiden, wie du ja auch beschreibst. Man müsste mal wegkommen von diesen Opfer-Täter-Schubladen in den Begrifflichkeiten, die bilden nur Fronten, wo es eigentlich gleiche Interessen gibt. Ein besseres Leben für Frauen geht ja nicht "auf Kosten" der Männer - das Ziel sollte ein besseres Leben für alle sein.
    viele Grüße! Lucy

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  5. sorry, ich vergesse immer die Missverständlichkeit, wenn ich "männlich" schreibe. Ich bin ja Sozialwissenschaftlerin und in meiner Arbeit habe ich sehr viel mit Konstruktivismus zu tun. Männlichkeit meint also nicht biologische Männer sondern eine historisch-kulturelle Praxis mit bestimmten Attributen, die nicht aufs biologische Mann-sein bezogen sind.

    Ok, ich sollte nicht mehr politisch Nähbloggen, das ist nicht mehr vermittelbar...

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  6. Als Konstruktivistin sollte dir aber klar sein, dass die Begriffe bestimmen, wie die Welt wahrgenommen wird! Und daher ist es Zeit für einen anderen Begriff, wenn dieses Konstrukt diskutiert werden soll, wenn man von diesem Männer-sind-Feinde-Feminismus mal wegkommen will.

    viele Grüße! Lucy

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  7. Holla, die Waldfee,

    danke für die Beiträge, so abstrakt kann ich gar nicht diskutieren.
    Ich denke schon, dass es eher akzeptiert wird, wenn Frauen im Beruf kürzer tritt, wie wenn es Männer tun. Dass das so ist, liegt wohl an vielen Dingen. Einmal fordern es Männer gar nicht ein, weil sie es ja nicht brauchen, weil sie ja in der Regel eine Frau haben, die ihnen den "Rücken" frei hält. Aber natürlich sind auch eine ganze Menge Frauen nicht bereit, diese Tretmühle mitzumachen, um ihre Lebensqualität komplett den Interessen der Firma zu opfern. So war es bei mir. Ich kann nicht erwarten, dass sich ein Konzern mit Tausenden Mitarbeitern nach meinen persönlichen Interessen richtet, aber ich kann so konsequent sein und dann aussteigen. Natürlich ist das dann mit Macht- und Prestigeverlust und langfristig wohl auch mit finanziellen Nachteilen verbunden. Inwieweit das so richtig ist, das ist natürlich die Frage.

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  8. Die Tatsache, dass in dem ganzen Dilemma überhaupt nicht der Vater der Kinder angesprochen wird, als wäre es nicht auch seine Sache, sich den Kopf zu zerbrechen, was zu tun ist, wenn ein Meeting am Abend stattfindet, zeigt, dass hier ein strukturelles und kulturelles Problem als individuelles Problem verkleidet daherkommt. Offensichtlich gelten Kinder und ihre Betreuung nach wie vor als Frauensache und Arbeitswelt als Männersache. Die Strukturen in einem Großkonzern sind ja bei Gott nicht gottgegeben, sondern Ergebnis einer langjährigen Unternehmenskultur und -tradition. Und wenn dort die Meetings am frühen Abend festgelegt werden, weil die Männer da noch in der Firma sind und die Frauen zuhaus, um die Kinderbetreuung zu schupfen, ist auch das nicht gottgegeben, sondern für die Herren schlicht und einfach bequeme Tradition. Und solange die Frauen daheim mitspielen, brav ihre Jobs aufgeben und den Mann - und die ganze männerorientierte Wirtschaft - möglichst nicht behelligen, wird sich auch nichts ändern.
    Aber im Vergleich zur Generation meiner Mutter erscheinen mir viele Frauen heute sehr brav und stromlinienförmig angepasst - wahrscheinlich aus purer Erschöpfung.

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